Wir sind nicht allein

Ansprache zum Volkstrauertag 2023

Die Freiwillige Feuerwehr Amberg-Ammersricht e.V. organisierte die Friedensgedenkfeier. Christian Schafbauer (4.v.r.), Matthias Schöberl (5.v.r.) und Pfarrer Michael Jakob vor der Dorfkapelle St. Ursula

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

lieber Herr Pfarrer Michael Jakob,

Kolleginnen und Kollegen des Amberger Stadtrates,

geschätzte Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehr,

liebe Ammersrichter,

es ist Zeit zu trauern. Und wir haben auch Grund zu trauern. Eine Trauer der Erinnerung an Familienangehörige, die Opfer von Kriegen geworden sind, für die Deutsche mitverantwortlich und verantwortlich waren.

Wir begehen diese Erinnerung individuell und auch gemeinsam, ritualisiert und manche Zeitgenossen meinen, dass sich diese ritualisierte Trauer überholt habe. Dass es besser wäre, endlich abzuschließen, das Gewesene zu vergessen, die Narben der Erinnerung zu übersehen und die Toten ruhen zu lassen. Und in der Tat war es noch nie so einfach zu vergessen, denn Zeitzeugen sterben, immer weniger Menschen haben überhaupt noch einen Bezug zu der Zeit, als Deutschland noch keine in aller Welt geachtete und als Partner geschätzte Demokratie war, in der man im Vergleich zu vielen anderen Orten auf unserem Planeten sehr gut und im stabilen Frieden leben kann.

Erinnern heißt aber eben nicht nur trauern. Erinnern bedeutet nicht Entsetzen über den Krieg und seine Folgen konservieren. Nein. Aus Erinnern muss lebendige Zukunft wachsen. Aus Erinnern ziehen wir Lehren für die Zukunft, die unseren Kindern und Kindeskindern Orientierung bieten können.

Ich glaube, dass in der heutigen Zeit den Menschen wieder sehr bewusst wird, dass sich Geschichte vielleicht nicht wiederholt, aber dass Geschichte, dass der Umgang mit der Geschichte der Boden ist, auf dem die Zukunft wächst. Aber was für eine Zukunft wird das sein? Wir sehen heute Intoleranz, Totalitarismus, das Streben nach Macht und angeblicher Größe, religiöse Verblendung, Fanatismus, Hass, Gewalt, Krieg, Folter, Mord.

Wir sehen, dass weltweit und in unserem Land unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit Ideen ausgesprochen werden, Überzeugungen vertreten werden, böse Worte und Gedanken gesprochen werden, die schon früher nur zu bösen Taten geführt haben, zu Leid und Tod. Und wir fragen uns, wie es bloß sein kann, dass wir dahin gekommen sind.

Ja, es gab Anzeichen, Entwicklungen haben Schritt für Schritt stattgefunden. Ich empfinde es ein wenig so, wie wenn man auf einem Spielplatz auf einer Balancier-Wippe steht. Anfangs ist alles stabil, aber je weiter man sich dem Mittelpunkt des Brettes nähert, umso instabiler wird die Sache. Und plötzlich … rutscht einem die Welt unter den Füßen weg. Ich bekomme manchmal dieses Gefühl, wenn ich mir ansehe, was momentan auf unserem Globus los ist. Was für eine Zukunft wird das sein?

Es ist Zeit zu trauern. Trauer folgt auf Verlust. Und vielleicht fühlen Sie ja auch einen Verlust, wenn Sie auf die Welt blicken. Einen Verlust von Verlässlichkeit, einen Verlust von Frieden, von Miteinander, vielleicht fühlen Sie sich hilflos, vielleicht überwältigen Sie sogar manchmal Zweifel und Furcht. Menschen, die persönliche Verluste erleiden, die zum Beispiel geliebte Menschen verlieren, die kommen manchmal aus ihrer hilflosen Trauer, nicht mehr heraus. Sie fühlen sich einsam. Und manche sind es auch.

Und genau an dieser Stelle will ich … rhetorisch … ein Licht anzünden. Denn wir, wir sind nicht einsam. Wir sind nicht allein in Sorge und Trauer. Sie kennen vielleicht die Phasen der sogenannten Trauerarbeit: Wir empfinden einen Schock und dann drohen uns oft widerstreitende Gefühle zu überwältigen. Wir suchen nach einem neuen Weg für uns, mit der Situation fertig zu werden. Wir finden einen neuen Platz für uns in der Welt.

Und ich meine, so wie Menschen individuell, persönlich Trauerarbeit leisten, so haben auch wir Deutsche im wohlverstandenen Sinn Trauerarbeit geleistet. Und wir haben vor allem zwei Dinge gelernt: Die erste Lehre formuliert der Artikel 1 unseres Grundgesetzes so: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Unsere Verfassung ist die rechtliche Sicherung gegen Totalitarismus, Rassismus und Angriffskrieg. Wir können stolz sein, dass dies so formuliert ist. Und wir haben dadurch eine Verpflichtung. Und die zweite Lehre scheint mir zu sein, dass wir mit anderen zusammenarbeiten müssen, um die Welt nach der Prämisse des Grundgesetzes zu gestalten. Wir Deutsche zusammen mit unseren Freunden auf der ganzen Welt und ganz besonders in der europäischen Union. Wir können stolz sein, dass wir ein Land sind, das mit anderen zusammenarbeitet. Und wir haben dadurch eine Verpflichtung.

Was ist diese Verpflichtung vor allem? Bitte gestatten Sie mir, dass ich unseren früheren Bundespräsidenten Roman Herzog zitiere. Er sagte im Januar 1996: „Das Allerwichtigste ist es, den Jungen den Blick dafür zu schärfen, woran man Rassismus und Totalitarismus in den Anfängen erkennt. Denn im Kampf gegen diese Grundübel […] kommt es vor allem anderen auf rechtzeitige Gegenwehr an. Die Erfahrung der NS-Zeit verlangt von uns und allen künftigen Generationen, nicht erst aktiv zu werden, wenn sich die Schlinge schon um den eigenen Hals legt. Nicht abwarten, ob die Katastrophe vielleicht ausbleibt, sondern verhindern, daß sie überhaupt die Chance bekommt einzutreten.“

Das hört sich einfach an und ist doch sehr schwer. Es ist nicht mit einem einfachen „Nie wieder!“ getan. Das sagte uns schon der Dichter Günther Kunert, der vor über 60 Jahren über einen Davongekommenen berichtete: „Als der Mensch unter den Trümmern seines bombardierten Hauses hervorgezogen wurde, schüttelte er sich und sagte: Nie wieder. … Jedenfalls nicht gleich.“ Ist das nicht unsere Erfahrung? Ein „Nie Wieder!“ gibt es nicht. Vielleicht haben wir das vergessen, weil wir so lange weder Unfreiheit noch Willkür erfahren mussten, weil wir stattdessen Freiheit und Recht erleben durften. Wenn wir uns heute schmerzlich daran erinnern, dann, meine Mitbürgerinnen und Mitbürger, erinnern wir uns gemeinsam daran.

Wir sind nicht alleine, sondern treten gemeinsam ein für die Würde des Menschen, für Freiheit von Willkür und jeglicher Gewalt und für Frieden. Ob in unserer eigenen Gesellschaft oder in der Welt. Wir sind keine Spielbälle des Schicksals, sondern wir vertrauen unseren eigenen Fähigkeiten, diese schlimme Zeit zu überwinden. Ja, wir haben vielleicht in unserer Wachsamkeit was unsere eigene Gesellschaft und was die internationalen Beziehungen angeht nachgelassen.

Heute tragen wir gemeinsam Verantwortung, heute treten wir gemeinsam ein für Würde, Freiheit und Frieden. Die Voraussetzung für dieses Eintreten ist die Erinnerung, aus der uns Kraft zuwächst. Danke, dass Sie heute hier sind!

19.11.2023 | Matthias Schöberl | Kategorie(n): Captain’s Log

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